und schatten der erde - Hanfried Brenner im Depot in Dortmund

von Simone Rikeit

 

 

Die Ausstellung im Depot Dortmund zeigt einen Überblick über das künstlerische Schaffen von Hanfried Brenner aus den letzten fünfzehn Jahren.

Dem Betrachter begegnen direkt zu Beginn seines Ganges durch die Ausstellung die unterschiedlichsten Materialien und Formensprachen, die Hanfried Brenners Arbeitsweise auszeichnen. Das anlässlich der Fußball-WM 2006 entstandene Objekt minus zeigt sehr konkret anmutende Formen, Kreise und Rechtecke, die an Torwände erinnern und in dezenten Farben, dem Grau der beschichteten Hartfaserplatte und in der harten, klaren Materialität des Objektes vorgetra-gen sind. Daneben findet sich eine ganz andere Materialität, die im Werk Hanfried Brenners eine wiederkehrende Rolle spielt: die der Styropor-Objekte. Brenner verwendet hier ein allseits bekanntes Verpackungsmaterial, das uns beim Kauf von Haushalts- oder Elektrogeräten begegnet, überzieht es häufig mit Klarsichtfolie sicher aber mit Verbandmull und überstreicht es mit Leinölfirnis, Acrylemulsion und Acrylfarbe. Bei der Betrachtung verschiedener mit Leinöl bearbei-teter Arbeiten fällt der bis ins bernsteinfarbige gehende Ton auf, der bei mehreren Schichten Leinöl entsteht. Stofflichkeit im wahrsten Sinne des Wortes wird hier sichtbar und erfahrbar. Wiederum daneben entstehen Bilder wie das hochformatige excess (1999), die Brenner selbst als „Neues Informel“ bebezeichnet. Hier wird die Farbe pastos, nahezu reliefartig und  bewegt, gestisch-abstrakt aufgetragen.

Schon diese Beispiele zeigen, dass es dem im Allgäu geborenen Künstler um das Ausloten von Zweidimensionalem und Dreidimensionalem, von Bild-Träger und Bild-Objekt, von Material und Form,  ja um die Befragung der Identität von  Malerei  als  solcher  geht.

Dies zeigt sich auch in einer der 1999 entstandenen Serien von Zeichnungen: graphit. Auch hier untersucht Brenner Materialität, die Struktur des Papiers im Zusammenwirken mit dem Graphit. Die Blätter zeigen geometrische, organische oder gestische Formen in Kombination und in unter-schiedlicher zeichnerischer Dichte. So sind schon durch den dichten Auftrag sich wellende Papierpartien ebenso zu finden, wie leichte Finger- sprich Arbeitsspuren den Künstlers. Das Blatt ist hier nicht bloßer Träger einer Zeichnung, sondern Bestandteil, ja Material des Motivs, ebenso wie die nahezu dreidimensionale Materialität, bedingt durch die unterschiedlichen Härtegrade des Blei- bzw. Graphitstiftes. Diese Arbeitsweise erinnert an Lucio Fontanas, geschlitzte und durchlöcherte Leinwände, die in der frühen europäischen Nachkriegskunstgeschichte eine bedeutsame Rolle für die Auffassung und Fortwicklung der Malerei spielten.

Die ebenfalls 1999 entstandene Serie die fähre basiert auf Brenners Trauer um den 20-jährigen Schüler Thomas Baingo, der sich im Entstehungsjahr der Serie das Leben nahm. Zu sehen sind abstrahierte, geometrisch gezeichnete Boote, die räumlich mehr oder weniger verortet sind und mit unter-schiedlich starken Lineamenten formuliert werden. Zum Ende der Serie verschwinden selbst die Linien und nur noch Punkte deuten Form und Kontur der Boote an. Titel und Motiv nehmen Bezug auf die Figur des Fährmanns Charon und die Reise in den Hades, die Unterwelt der Toten, wie sie in der griechischen Mythologie überliefert ist und konkret zu dem Verstorbenen selbst, der im Dortmunder Hafengebiet lebte und ebendort verstarb.

Brenners künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod findet sich auch in der Reihe todesfuge. Die insgesamt 23 Wandobjekte gleichen Formats verarbeiten das gleichnamige Gedicht des Lyrikers Paul Celan. In diesem verarbeitet Celan den Tod seiner Eltern in einem Arbeitslager, sowie sei-ne eigenen Erfahrungen in verschiedenen rumänischen Arbeitslagern. Celan beschreibt über das Bild der „schwarzen Milch“ die Gefangenschaft und Todesqualen in den Lagern. Den Gegensatz des Schwarzes mit dem Weiß der Milch greift Brenner ist seiner Reihe auf. Zu sehen sind bloße helle auf breite Holzrahmen gezogene Nesselstoffe, auf denen in schwarzer Spiegelschrift das Gedicht Celans in Abschnitte geschrieben ist; der Text endet, wenn die Leinwand gefüllt ist. Das Schriftbild ist unterschiedlich dicht, unterschiedlich schwarz, im Blocksatz gesetzt. Dabei sind die Ränder in der Breite des Holzrahmens unbearbeitet. Hanfried Brenner setzt sich hier nicht mit dem Tod im Allgemeinen auseinander sondern mit der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung während des NS-Regimes. Als 1943 Geborener erlebte er den Krieg selbst nicht bewusst: Brenner forderte und fordert gemäß seiner eigenen Nachkriegserfahrung und persönlichen Verarbeitung mit großer Kontinuität, auch durch Werke wie der todesfuge, die Auseinandersetzung eines jeden einzelnen mit der größten menschlichen und politischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Die 2003 entstandene todesfuge gehört zu der Reihe der „Adoptionen“, die seit mehr als 10 Jahren entstehen. Die von Brenner so bezeichnete Arbeitsweise beschreibt er als „eine Form bildnerischer Aneignung von Lyrik“. Dabei geht es nicht um Illustration von Gelesenem sondern um die materielle und inhaltliche Aneignung der Textur des Textes, die nicht selten mit viel Mühe und dementsprechend viel Zeit verbunden ist. Ein Abarbeiten im wortwörtlichen Sinne. Auf diese Weise behandelt Brenner Texte von unter anderen der dänischen Dichterin Inger Christensen, dem russischen Dichter Gennadij Ajgi oder Franz Kafka. Die künstlerischen Ergebnisse können dabei ganz unterschiedlich aussehen, wie lenin zu besuch, traum blaue version sowie auch und schatten der erde (das Titel gebende Bild) zeigen. Letztere Arbeit bezieht sich auf das Gedicht „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin.

Besonderen Stellenwert nimmt die „Adoption“ es ver ber gen aus den Jahren 2001/2002 in Brenners Werk ein. In ihr verbinden sich seine Arbeit mit der textlichen Gestalt des Gedichts „es“ von Inger Christensen und seiner ästhetisch-sinnlichen Verwendung von Verbandmull und Leinöl, hier zusätzlich von Gardine. Die sieben hochformatigen Tafeln verbergen im wörtlichen Sinne die Textzeilen hinter einem weissen Schleier. Wenn Gedichte eine visuelle und haptische Gestalt annehmen können, dann wären die Adoptionen von Hanfried Brenner eine gelungene, weil authentische Art diese  darzustellen.

Seit 2011 arbeitet Hanfried Brenner auch wieder figürlich. Er selbst schreibt dazu: „Neuerdings führt mich das Bestreben, mein Repertoire an künstlerischer Artikulation zu bereichern, zur Entwicklung figurativer Gestaltungen. Diese mögen auf den ersten Blick konventionell erscheinen. In Wahrheit jedoch - eine ernsthafte Rezeption läßt dies nachvollziehen - brechen die Gebilde sowohl in technischer Hinsicht als auch konzeptionell aus dem Spielfeld herkömmlicher figurativer Bildgestaltung aus.“

Zwei Figuren sind hierbei immer wieder zu finden. Zum einen eine nur in Umrisslinien formulierte Rückenfigur eines Gehenden in lenin zu besuch, ein Selbstbildnis des Künstlers. Zum anderen die ebenfalls nur in Umrisslinien formulierte Figur der Skulptur „Gestürzter“ (1915) von Wilhelm Lehmbruck. Diese Figur ist unter anderem auf der jüngsten und großformatigsten Arbeit zu finden, die mit der sturz betitelt ist. Sie ist aus 12 Segmenten zusammengesetzt und zeigt die ins negativ verkehrten und auf einen Schwarz-Weiß-Kontrast reduzierten Motive eines der bekanntesten Anti-Kriegsbilder der Kunstgeschichte: Pablo Picassos 1937 entstandenes „Guernica“. Im Vergleich zu Picassos Gemälde sind hier nur die Figurationen und Bildelemente erkennbar, die im Original in weißen oder hellen Farbtönen dargestellt sind. Durch die Reduktion und die Wiedergabe in Schwarz verschwinden bei Brenner auch die Binnenzeichnungen in den einzelnen Motiven. Den schwarzen Elementen sind vier weiß dargestellte Figuren über die Bildfläche verteilt gegenübergestellt (von links nach rechts):  Die  Kommende, der Kämpfende, der Gestürzte und der Gehende – zunächst  Zustände menschlichen Seins. Den figürlichen Elementen sind strukturelle Elemente entgegengestellt. Verbandmull in mehreren Schichten aufgetragen und mit Leinölfirnis über-strichen bildet an mehreren Stellen waagerechte und senkrechte Linien bzw. Streifen oder Flächen, die die Bildfläche strukturieren.

Der Rückgriff Brenners auf Picassos „Guernica“ verweist wiederum auf die politische Intention des Bildes. Unterstützt wird diese durch ein Zitat aus Karl Marx’ „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ aus den Jahren 1843/1844, das Brenner am oberen und unteren Rand eingetragen hat. Es verweist auf die Selbstbestimmtheit des Menschen und die Aufforderung, diese einzulösen.

Hanfried Brenner zeigt mit dieser Ausstellung sowohl auf materieller, inhaltlicher und ästhetischer Ebene die Vielschichtigkeit seines Tuns, sein Fragen nach dem Bild, nach der Identität der Malerei an sich, nach einer Verbindung von Kunst und Politik. Zu sehen sind unterschiedliche Antworten auf diese unterschiedlichen Fragen, der Betrachter folgt dabei einem Suchenden und stößt dabei vielleicht auch auf seine eigenen Fragen und seine eigene Suche. Hanfried Brenner verbindet neugierig und auf geschickte Art und Weise ästhetische und intellektuelle Aspekte in seinen „Gebilden“, wie er seine Arbeiten selbst nennt. Eine Arbeit und Suche, die hoffentlich noch lange andauert.



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